Insektensterben

Insektensterben: Das entomologische Thema des Jahres

Eine kleine parlamentarische Anfrage hat im Sommer 2017 Großes bewirkt: Endlich sind die Sorgen und Belange der Entomologen in den Fokus der breiten Öffentlichkeit gerückt.

Der schon seit Längerem von den Entomologen beobachtete Arten- und Individuenschwund bei den Insekten wurde in diesem Jahr plötzlich zum Thema in unzähligen – leider nicht immer sachgerechten – Zeitungs-, Fernseh- und Radiobeiträgen, als die Antwort der Bundes­regierung auf die Kleine Anfrage von Bündnis 90/Die Grünen zu „Insekten in Deutschland und Auswirkungen ihres Rückgangs“ veröffentlicht wurde. Dadurch wurden die Ergebnisse einer Ende 2013 publizierten Studie des Krefelder Entomologischen Vereins über den Vergleich von Malaisefallen-Fängen 1989 und 2013 im NSG Orbroicher Bruch weithin bekannt (http://80.153.81.79/~publ/mitt-evk-2013-1.pdf), wenngleich auch schon vorher diese Studie vereinzelt in den Medien Beachtung fand.

Im Oktober 2017 wurde dann im Wissenschaftsmagazin PloS ONE eine umfassende wissenschaftliche Auswertung dieser Unter­suchungen des Krefelder Entomologischen Vereins publiziert: Hallmann et al. (2017): http://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0185809. Darin wird nachgewiesen, dass an 63 Stand­orten in Deutschland im Laufe der letzten 27 Jahre die Biomasse an Insekten um mehr als 75% zurückgegangen ist, obwohl die Untersuchungsgebiete alle unter Naturschutz stehen. Im Hochsommer betrug der Rückgang sogar bis zu 83%!

Damit wurden die schlimmsten Befürchtungen bestätigt, worüber sogar in den Top-Nachrichten­sendungen wie Tagesschau oder heute in ausführlichen Beiträgen berichtet wurde. Auch bei den großen Tageszeitungen ist das Thema auf die Titelseiten gerückt. Die Zeit tituliert dazu ihre Ausgabe vom 26.10.2017 mit „Das Schweigen der Politik“ und die SZ schreibt in der Ausgabe vom 21.10.2017 unter der Über­schrift „Rettet die Insekten”: „Spätestens jetzt muss allen klar sein, dass etwas unternommen werden muss”.

Die Münchner Entomologische Gesellschaft hat dies zum Anlass genommen, im Editorial der MITTEILUNGEN DER MEG darüber zu berichten (Editorial MITT 107) und hier auf der Webseite auf weitergehende Literatur und Weblinks hinzuweisen (es werden nur frei verfügbare Seiten aufgeführt, die z.T. aber nicht unbedingt längerfristig abrufbar sind):

Eine Übersicht über das Thema bietet der Wikipedia-Artikel „Insektensterben“ https://de.wikipedia.org/wiki/Insektensterben sowie die umfassende BUND-Seite www.bund-rvso.de/schmetterlingssterben.html. mit zahlreichen Zitaten und Links.

Der NABU Baden-Württemberg hat inzwischen mehr als 20 wissenschaftliche Studien aus Baden-Württemberg, Deutschland und Europa ausgewertet (https://baden-wuerttemberg.nabu.de/tiere-und-pflanzen/insekten-und-spinnen/insektensterben/23404.html) und in einer Übersicht zusammengefasst, die man als PDF herunterladen kann (https://baden-wuerttemberg.nabu.de/imperia/md/content/badenwuerttemberg/studien/pr__sentation_insektensterben_final2.pdf)

Die Kleine Anfrage (4 Seiten) und die Antwort der Bundesregierung (12 Seiten, enthält auch die Fragen) können als PDF heruntergeladen werden unter http://dipbt.bundestag.de/extrakt/ba/WP18/826/82669.html.

Das Protokoll zu einem dem öffentlichen Fachgespräch des Umweltausschusses im Januar 2016 zum Thema “Ursachen und Auswirkungen des Biodiversitätsverlustes bei Insekten” kann heruntergeladen werden unter: www.bundestag.de/blob/416200/…/protokoll-18-73-data.pdf. Im Anhang des Protokolls finden sich die einführenden PowerPoint-Präsentationen der eingeladenen Sachverständigen Prof. Dr. Thomas Schmitt (DEI, Müncheberg), Josef Tumbrinck (NABU NRW), Dr. Josef Settele (Helmholtz-Zentrum Halle) und Prof. Dr. Teja Tscharntke (Uni Göttingen). Das Fachgespräch ist in ganzer Länge auch als Video verfügbar: www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2016/kw02-pa-umweltausschuss/399986

Der Agrarbericht des Bundesamtes für Naturschutz geht auf S. 12 auf die Situation der Insekten ein: www.bfn.de/fileadmin/BfN/landwirtschaft/Dokumente/BfN-Agrar-Report_2017.pdf

 

Berichte in Fachmedien (Auswahl, z.T. vor der PloS ONE Studie erschienen):

www.spektrum.de/news/insektenzahl-in-deutschland-nimmt-um-75-prozent-ab/1512165

www.nabu.de/news/2017/10/23291.html (Wissenschaftler bestätigen dramatisches Insektensterben)

https://blogs.nabu.de/naturschaetze-retten/insektensterben/

www.sciencemag.org/news/2017/05/where-have-all-insects-gone

www.geo.de/magazine/geo-magazin/15815-rtkl-tatort-wiese-pestizide-und-das-ende-unserer-insekten

www.geo.de/natur/oekologie/1002-rtkl-umwelt-pollensterben

www.wissenschaft.de/leben-umwelt/umwelt/-/journal_content/56/12054/20423350 (Deutschland verliert seine Insekten)

www.wissenschaft.de/leben-umwelt/umwelt/-/journal_content/56/12054/4023578/Vogelschwund-durch-Pestizide

https://e360.yale.edu/features/insect_numbers_declining_why_it_matters

www.greenpeace.de/presse/publikationen/plan-bee-leben-ohne-pestizide

www.tum.de/die-tum/aktuelles/pressemitteilungen/detail/article/32997 (Spezialisierte Schmetterlinge sterben trotz Naturschutz aus)

www.senckenberg.de/root/index.php?page_id=5206&year=2016&kid=2&id=3976 (30.03.2016 – Schmetterlinge gibt’s (fast) nicht mehr)

www.bfn.de/presse/pressemitteilung.html?no_cache=1&tx_ttnews%5Btt_news%5D=6101&cHash=5e8894acf6f963b681df1920de8d3bd7 (BfN-Präsidentin fordert Kehrtwende in der Agrarpolitik)

Berichte in der Tagespresse

Ausführliche Berichte über die Unter­suchungen des Krefelder Entomologischen Vereins erschienen in allen großen Tageszeitungen und auf deren Online-Portalen (jeweils mit weiterführenden Links), wie z.B. unter:

www.faz.net/aktuell/wissen/insektensterben-hat-es-sich-bald-ausgekrabbelt-15111642.html

www.faz.net/aktuell/wissen/leben-gene/insektensterben-75-prozent-weniger-insekten-in-deutschland-15250672.html

www.merkur.de/bayern/interview-zum-insektensterben-arten-verschwinden-still-und-leise-8502830.html

www.sueddeutsche.de/wissen/insektensterben-dramatischer-insektenschwund-in-deutschland-1.3713567

www.sueddeutsche.de/wissen/biologie-das-insektensterben-bedroht-unsere-lebensgrundlagen-1.3734633

www.sueddeutsche.de/wissen/artenvielfalt-gibt-es-ein-insektensterben-in-deutschland-1.3616586

www.sueddeutsche.de/wissen/bericht-des-biodiversitaetsrats-muecken-thripse-fledermaeuse-1.2881524

www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.studie-mit-dramatischen-ergebnissen-insektensterben-loest-heftige-debatten-aus.1e9e9dbd-7ace-4f82-8a50-62822618222a.html

www.tagesspiegel.de/wissen/studie-dramatischer-insektenschwund-in-deutschland/20472776.html

www.welt.de/wissenschaft/article169786243/Das-mysterioese-Verstummen-beim-Summen.html

www.welt.de/wissenschaft/article167877150/Wieso-Mais-Schuld-am-Sterben-der-Schmetterlinge-ist.html

www.zeit.de/wissen/umwelt/2017-10/insektensterben-fluginsekten-gesamtmasse-rueckgang-studie

www.zeit.de/2017/44/insektensterben-bienen-oekologie-umwelt-insektizid

www.zeit.de/wissen/umwelt/2017-10/insektensterben-bienen-deutschland/komplettansicht

www.fr.de/wissen/insektensterben-pestizide-sind-nicht-die-einzige-ursache-a-1289250

www.bayerische-staatszeitung.de/staatszeitung/unser-bayern/detailansicht-unser-bayern/artikel/gaukler-im-sinkflug.html

www.mittelbayerische.de/region/regensburg-stadt-nachrichten/der-falter-forscher-mag-es-kunterbunt-21179-art1386186.html

Hier noch ein Beitrag der etwas anderen Art: www.der-postillon.com/2017/10/insektensterben.html

Dass die Krefelder Entomologen nicht immer glücklich waren über das mediale Echo ist hier nachzulesen: http://www.rp-online.de/nrw/staedte/krefeld/insektensterben-krefelder-entomologen-verteidigen-ihre-zahlen-aid-1.6969850/?utm_source=mail&utm_medium=referral&utm_campaign=share

Natürlich blieben die Krefelder Ergebnisse nicht ohne Kritik: Die etwas reißerische Aufmachung mancher Berichterstattungen führte dazu, dass die Studie z.T. als Panikmache oder Wahlkampfgetöse kritisiert wurde, was dann allerdings nach Erscheinen des Artikels in PloS ONE z.T. wieder relativiert wurde, siehe z.B.: www.heise.de/tp/features/Vogel-und-Insektensterben-Die-industrielle-Landwirtschaft-als-Quelle-des-Uebels-3866377.html?seite=all.

Auch von wissenschaftlicher Seite gab es Widerspruch und die Untersuchungen wurden als „Unstatistik des Monats“ verunglimpft: www.rwi-essen.de/unstatistik/72, siehe hierzu auch  www.welt.de/wissenschaft/article170679639/Expertenstreit-Wie-zaehlt-man-Insekten-richtig.html.

Dass der Bauernverband erst einmal weitere Beweise fordert, war zu erwarten: www.bauernverband.de/diskussion-zum-insektensterben-in-einer-wolke-der-unwissenheit (siehe auch www.faz.net/aktuell/wirtschaft/insektensterben-bauernverband-wiegelt-ab-15254069.html).

Siehe hierzu auch die ausführliche Analyse Insektenschwundleugner gegen Untergangspropheten. Kritik einer polarisierten Debatte von Christian Schwägerl (www.riffreporter.de/flugbegleiter-insektenschwund-studie-reaktionen/).

 

Videos (Auswahl längerer Beiträge)

www.br.de/br-fernsehen/sendungen/faszination-wissen/insektensterben-blumen-pflanzen-100.html

www.br.de/rote-liste/insekten-insektensterben-insektenschwund-bienen-schmetterlinge-kaefer-grillen-100.html

www.planet-wissen.de/video-wo-sind-die-insekten-geblieben-100.html

www.zdf.de/dokumentation/planet-e/planet-e-ausgebrummt—insektensterben-in-deutschland-100.html

www.zdf.de/politik/frontal-21/folgen-des-insektensterbens-100.html

www.mdr.de/mediathek/mdr-videos/c/video-141762.html (Das große Vogelsterben als Folge des Insektenschwunds)

swrmediathek.de/player.htm?show=e8115680-50e6-11e7-b649-005056a10824
(Audio; SWR2 Forum, Tod im Grün: Das Insektensterben und die Folgen)

Die sehenswerten Klassiker des BR aus der Reihe “Topographie” von Dieter Wieland lassen das ganze Elend der Landesentwicklung schon in den ´80er Jahren erkennen: Grün kaputt (1983) und Heckenlandschaften (1993)

 

Aktivitäten

Es gibt bereits Initiativen von Kollegen anderer Entomologischer Vereine wie z.B. den Offenen Brief des Freiburger Entomologischen Arbeitskreises (https://goo.gl/uQgcHB) und die Resolution zum Schutz der mitteleuropäischen Insektenfauna, insbesondere der Wildbienen, verfasst bei der 12. Hymenopterologen-Tagung Stuttgart im Oktober 2016 (https://www.nabu.de/imperia/md/content/nabude/insekten/161025-resolution-insektenschutz.pdf, siehe hierzu auch: www.nabu.de/news/2016/10/21429.html, https://smnstuttgart.com/2016/11/08/alarmstufe-rot-insektensterben-statt-bienentanz/).

Auch diverse Petitionen verschiedenener Organisationen und Personen sind angelaufen, wie z.B.: www.openpetition.de/petition/online/wie-stoppen-wir-das-insektensterben.

 

Zum Schluss sei auf Rachel Carsons Öko-Klassiker Der stumme Frühling von 1962 verwiesen. Ganze Passagen darin könnten auch aus dem Jahr 2017 stammen: der Umgang mit DDT damals in Politik und (Land)Wirtschaft erinnert in fataler Weise an das Gerangel um ein Verbot von Neonicotinoiden und Glyphosat (siehe hierzu auch www.sueddeutsche.de/wirtschaft/einsatz-von-pestiziden-erst-wundermittel-dann-teufelszeug-1.2969305).

Inzwischen wurde von der EU-Kommission die Anwendung von Glyphosat für weitere 5 Jahre genehmigt. Was das bedeutet –  abgesehen von den Auswirkungen auf die Insekten, die auf Wildkräuter angewiesen sind (was leider in den Medien neben der Krebsgefahr kaum zur Sprache kommt) – macht dieser Beitrag auf arte deutlich: www.arte.tv/de/videos/069081-000-A/roundup-der-prozess.

 

Anmerkungen, Ergänzungen usw. gerne an: jschuberth@gmx.net
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